Close
Close
Browse Categories











CTHULHU: Nautischer Nachtmahr €9,95
Publisher: Pegasus Press
by Roger L. [Featured Reviewer] Date Added: 10/11/2019 04:29:37

https:/-
/www.teilzeithelden.de/2019/10/08/rezension-cthulhu-nautischer-nachtmahr-tiefe-raunt-der-tiefe-zu/

Drei Fahrten auf hoher See, drei tödliche Szenarien. Nautischer Nachtmahr schickt die Investigatoren in unermessliche Tiefen. Dass an den dunkelsten Stellen des Ozeans ungeahnte Schrecken lauern, ist seit jeher Teil des Cthulhu-Mythos. Ist das Thema also abgenutzt oder immer noch frisch? Die Teilzeithelden gehen auf Tauchgang und finden es heraus…

Nautischer Nachtmahr ist eine Anthologie für das Cthulhu-Rollenspiel, die drei Szenarien enthält, die auf hoher See oder in den Tiefen des Ozeans spielen. Alle drei beinhalten vorgefertigte Spielercharaktere, die auf das jeweilige Szenario abgestimmt wurden. Wer sich im Cthulhu-Mythos auskennt, mag aufgrund seiner Vorkenntnisse eine ungefähre Vorstellung davon haben, was auf ihn zukommt, könnte aber auch überrascht werden. Denn die drei Szenarien beinhalten Ansätze, sich dem Mythos zu nähern, die über Tiefe Wesen und versunkene Städte hinausgehen. Doch dazu mehr im folgenden Text.

Menschenfracht – Verlassen auf hoher See Das erste Szenario trägt den Namen Menschenfracht und wurde von Dominic Hladek geschrieben. Die acht möglichen Spielercharaktere befinden sich aus ganz verschiedenen Gründen auf einem Containerschiff, dass sie illegal von China in die USA bringen soll. Sie sind in einem der Container eingesperrt und wurden schon mehrere Tage nicht mehr mit Wasser und Nahrung versorgt, als das Szenario beginnt. Entsprechend verzweifelt ist ihre Lage und einige Mitreisende weilen bereits nicht mehr unter den Lebenden.

Während sie in Dunkelheit und Isolation ausharren, ist die Mannschaft des Schiffes einem Schrecken aus der Tiefe anheimgefallen. Ihr erstes Ziel sollte deswegen sein, einen Ausweg aus dem Container zu finden. Einige von ihnen haben auch noch andere Pläne, verborgen vor den anderen, was im weiteren Verlauf für zusätzliche Spannungen innerhalb der Gruppe sorgen dürfte. Die Gruppe selbst ist bunt gemischt und beinhaltet neben verzweifelten Auswanderern und Regimeflüchtlingen, darunter ein tibetischer Mönch, auch zwei US-Amerikaner, die bittere Launen des Schicksals in den Container gebracht haben. Diese Zusammensetzung sorgt natürlich auch für interessante Möglichkeiten zum Ausspielen von Interaktionen zwischen den Spielercharakteren.

Menschenfracht ist ein gnadenloses Szenario und bereits durch seinen Einstieg nichts für zartbesaitete SpielerInnen. Es ist in seinem Verlauf sehr offen gestaltet. Auf ihrer Suche nach einem Ausweg können die Spielercharaktere das Schiff erkunden, werden aber schon bald an ihre Grenzen stoßen. Beim Lesen drängt sich der Eindruck auf, dass es kaum zu schaffen ist, zumindest ein einigermaßen zufriedenstellendes Ende zu erreichen. Diese Ausgangssituation hat zwar durchaus ihren Reiz, kann aber auch schnell für Frustrationen sorgen. Deswegen sei dieses Szenario nur jenen Spielern empfohlen, die mit der Hoffnungslosigkeit an Bord und nicht zuletzt auch den menschlichen Abgründen in ihrer eigenen Gruppe umgehen können.

Eisgefängnis – Zum Ruhm von Mütterchen Russland In diesem Szenario von Jos Kayser schlüpfen die SpielerInnen in die Rollen sowjetischer Besatzungsmitglieder eines Atom-U-Boots. Eisgefängnis spielt 1981, also mitten im Kalten Krieg. Unerbittlich kalt ist auch der Schauplatz, denn es geht in das Eis der Arktis, wo sich die Crew der Akula nicht nur mit dem US-amerikanischen Klassenfeind auseinandersetzen muss, sondern auch mit unvorstellbaren Schrecken.

Im Gegensatz zu den anderen beiden Szenarien in Nautischer Nachtmahr, ist Eisgefängnis durchaus für einige Sitzungen ausgelegt. Die SpielerInnen steuern die Offiziere des Schiffes bei ihrer Suche nach einem Ausweg aus einer verfahrenen Situation und können auf einer arktischen Insel einiges entdecken – auch das, was besser unentdeckt geblieben wäre. Amüsante Randnotiz: Auch wenn sie von Gestrandeten unterschiedlicher Herkunft angefertigt wurden, sind die Handouts praktischerweise alle auf Deutsch.

Der Spielleitung wird dabei freie Hand gelassen, wie sich die Handlung entwickelt und wie sich das Szenario im Finale auflöst. Das erfordert zwar einiges an Vorbereitung, zahlt sich aber auch aus. Das unverbrauchte Szenario, das Jagd auf Roter Oktober mit Das Ding aus einer anderen Welt und der ersten Staffel von The Terror verbindet, ist angenehm offen gestaltet und beinhaltet das Potential für mehrere Spielabende.

Tangaroa – Unter Druck im Überdruck
Das dritte Szenario in diesem Band stammt aus der Feder von Michael L. Jaegers und führt die Spielercharaktere in eine unterseeische Forschungsstation. Ein Hilferuf hat sie dazu gebracht, in tiefste See aufzubrechen und nach dem Rechten zu schauen. Prompt entdecken sie einen Verletzten, der ihnen kurz erklären kann, was vorgefallen ist, dann aber zur Behandlung an die Oberfläche gebracht werden muss.

Während das Tauchboot etwa drei Stunden fürs Auftauchen und erneute Abtauchen braucht, sind die Spielercharaktere auf sich allein gestellt und müssen in Echtzeit versuchen, herauszufinden, was hinter den Vorkommnissen steckt. Dabei geraten sie in einen nervenaufreibenden Psychothriller, der zunehmend zum Überlebenskampf wird. Dass jeder der vorgefertigten Spielercharaktere zudem ein eigenes Geheimnis hat, von denen einige potenziell zu weiteren Konflikten führen können, sorgt für zusätzliche Anspannung.

Charmant ist, dass die Spielleitung selbst entscheiden kann, was genau hinter dem aufkeimenden Wahnsinn steckt, der zuerst den Leiter der Forschungsstation heimsuchte. Greift er nun auf alle Anwesenden über? Ist der Hintergrund biologisch oder im Cthulhu-Mythos verwurzelt? Was die SpielerInnen aus dieser Situation machen, ist unvorhersehbar, was natürlich einige Vorarbeit durch die Spielleitung erfordert. Diese kann sich aber durchaus lohnen, auch wenn die eigentliche Handlung letztlich recht dünn bleibt. Dies ist aber völlig in Ordnung, da das Abenteuer nur auf eine Dauer von zwei bis drei Spielstunden ausgelegt ist.

Wer Lust auf den Spielbericht zum sogenannten „Director’s Cut“ des Autoren Jaegers hat, findet ihn auf dessen Seite. Dieser Blick sei aber nur potentiellen Spielleitern von Tangaroa empfohlen.

Erscheinungsbild Werden die einzelnen Szenarien betrachtet, hat das Szenario Eisgefängnis klar die besseren und stimmigsten Illustrationen des Bandes. Die Illustrationen von Menschenfracht und Tangaroa sind solide, bieten aber noch Luft nach oben. Auch bei den Handouts kann das Szenario rund um das U-Boot Akula punkten. In Tangaroa hingegen sind manche Handouts unlesbar und wären ohne das beiliegende Transkript völlig unbrauchbar. Scheinbar wurden Fotos eines Notizbuches gemacht, die viel zu dunkel geraten sind, als dass man bei der schwer lesbaren Handschrift etwas erkennen könnte.

Fazit Nautischer Nachtmahr ist eine Anthologie, die auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär erscheint. Drei verhältnismäßig kurze Szenarien, wahrscheinlich altbekannte Schrecken aus der Tiefe und eine etwas dröge Optik lassen schnell den Eindruck entstehen, soliden Standard aber auch nicht mehr in den Händen zu halten.

Doch bei näherer Betrachtung offenbaren sich die Stärken, die alle drei Szenarien gemeinsam haben. Ausgangssituationen wie in Menschenfracht (Flüchtlinge in einem Container) oder Eisgefängnis (Besatzung eines sowjetischen U-Boots) haben vermutlich die wenigsten RollenspielerInnen schon einmal erlebt. Auch eine Tiefseeforschungsstation wie Tangaroa wurde wahrscheinlich noch nicht oft angesteuert. In den letzten beiden Szenarien bietet sich der Spielleitung sogar die Möglichkeit, ganz eigene Interpretationen des Cthulhu-Mythos einzubringen.

Alle drei Szenarien gestalten sich im Aufbau und Verlauf sehr offen, was von der Spielleitung einige Vorbereitung und auch Übersichtsvermögen verlangt. Dies wird aber auch belohnt, denn dank der vorgefertigten Spielercharaktere mit ihren jeweils eigenen Intentionen, ist nicht nur ein unkomplizierter Spielstart möglich, sondern entfaltet sich auch ein Geflecht an zwischenmenschlichen Intrigen und Verbindungen im Spiel. Nautischer Nachtmahr ist deswegen nicht nur nichts für SpielerInnen, die gerne eigene Charaktere entwerfen und ausgestalten, sondern auch jenen nicht zu empfehlen, die vor dem Blick in die Abgründe verzweifelter Gruppendynamiken zurückschrecken. Wer jedoch den Konflikt zwischen Spielercharakteren vor der Kulisse zunehmenden Wahnsinns nicht scheut, wird mit dieser Anthologie seine wahre Freude haben.



Rating:
[4 of 5 Stars!]
Back
You must be logged in to rate this
CTHULHU: Nautischer Nachtmahr
Click to show product description

Add to Pegasus Digital Order

0 items
Powered by DriveThruRPG